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Pressestimmen 2005

Märkische Oderzeitung (Katrin Wacker, 18.05.2005)

Lessings Werk in Wustrow aufgeführt

Altwustrow. Mit der entrüsteten Frage: "Wo hat der Major die Nacht verbracht?", stürzt der cholerische Just, Bedienter des Majors, auf die Bühne. Das Innere der Altwustrower Fachwerkkirche gleicht einer geräumigen Requisitenkammer, in der es nach alten Möbeln riecht, und nach einer anderen Epoche. Die sechs Schauspieler des Wandertheaters um Regisseurin Heidi Walier wagen mit ihrem Publikum einen Zeitsprung in die Vergangenheit, genauer in die Epoche der Aufklärung, als 1767 Lessings Komödie "Minna von Barnhelm" veröffentlicht wurde.

 

Mehr als zwei Jahrhunderte später wirken die Perückenträger mit dem preußischen Zack schon ein wenig befremdlich. Dennoch folgen die Zuschauer den Figuren bereitwillig in ein Gasthaus, in dem ein sehr geschäftstüchtiger, listiger Wirt (Gernot Ernst) das Sagen hat. Auch wenn es gleich zu Beginn des Stückes für ihn heißt, den Kopf einzuziehen, denn Just (Henning Fischer) ist nicht nur Bedienter des Majors (Leonard Schnittmann), sondern hat daneben auch ein ziemlich leichtes Händchen, weshalb ihm niemand, mit Ausnahme eines Pudels, so gern Sympathie schenken mag. Mehr Glück hat der Kriegsbegeisterte Paul Werner (Matthias Jentsch), der Wachtmeister des Majors, dem am Ende das "Frauenzimmerchen" Franziska (Linde Engelhardt), Minnas Bedienstete, in Liebe ergeben ist. An Charakter und Temperament stellt sie sogar Minna (Katharina Ingwersen) in den Schatten, wenn sie mit aller Ernsthaftigkeit darauf besteht, es möge vermerkt werden, dass sie noch eine Jungfer ist, den lästigen Wirt energisch von der Bühne scheucht und Major von Tellheim darin unterweist, wie er sich bei einer Ausfahrt mit Minna zu kleiden habe.

 

Die Beziehung Minnas und von Tellheims vermittelt zunächst wenig Aussicht auf ein Happy End, bevor sich beide über Liebe, Reichtum und Ehre einig sind.

 

Fasziniert zeigten sich die Schauspieler nach Ende des Theaterstückes am Interesse der Kinder, die in die Altwustrower Kirche gekommen waren und schon während der Vorstellung versucht hatten, einen Zipfel von Justens oder Paul Werners Rock zu erhaschen. "Erstaunlich, dass so was auch den Kindern gefällt", freute sich Regisseurin Heidi Walier, die seit nunmehr vier Jahren mit ihrem Wandertheater durchs Land zieht und in Kirchen Theater macht. Durch das Fernsehen sei sie auf die Altwustrower Barockkirche aufmerksam geworden. Der Unterschied zwischen Kirche und Theater liegt für sie in der "Frische". "In Kirchen zu spielen ist etwas Besonderes. Ich bin in Kirchen verliebt", bekannte die Schauspiellehrerin, bei der unter anderem "Wirt" Gernot Ernst in die Schule gegangen ist.

 

Die Kleider und Perücken für das Stück sind eine Leihgabe des Deutschen Theaters; die Möbel stammen aus dem Filmpark Babelsberg. Vor allem letztere verliehen der Kirche einen "Wohnzimmercharakter", wie Matthias Jentsch, der an der Berliner Schauspielschule gelernt hat, formulierte. "Diese Kirche mit ihrer Hochkanzel ist besonders schön, und es ist mal was Besonderes, so nah am Publikum zu spielen, dass ihm in den Rachen sehen kann."

 

Die Tournee, die am vergangenen Samstag in der Kirche von Steinbeck begonnen hat, wird bis zum 10. Juli andauern. An insgesamt 16 Orten im Osten und Westen Brandenburgs wird der durchtriebene Wirt im ersten Akt versuchen, den hitzigen Just betrunken zu machen und die kesse Franziska einige Szenen später philosophieren:"Lieber die schönsten Zähne nicht gezeigt, als alle Augenblicke das Herz darüber springen zu lassen."

 

Nächste Aufführungen der Komödie "Minna von Barnhelm": Sonntag, 29. Mai: Heilandskapelle Frankfurt/Oder, Sonntag, 5. Juni: in der Dorfkirche in Reitwein